Filmwahl: Mehr Neuheiten

Liebe Filmkunstfreunde,

Sie haben mal wieder die Qual der Wahl. Vier Filme, vier Länder. Die Filme führen uns in die unendlichen Weiten Jakutiens ebenso wie die beklemmende Enge einer dänischen Notruf-Dienststelle. Sie zeigen uns Menschen, die fremd in ihrer Umgebung sind und fremd in ihrem eigenen Körper. Zur Wahl stehen:

  • Die defekte Katze
  • Girl
  • The Guilty
  • Nanouk

Wie immer gilt: Antworten Sie einfach auf diese Nachricht und geben Sie den Titel Ihres Favoriten bzw. die Titel Ihrer Favoriten an. Oder schreiben Sie uns oder geben Sie eine Nachricht im Viktoria Filmtheater ab. Und wie immer sind Mehrfachnennungen möglich. Wir hoffen, ihnen auch dieses Mal die Entscheidung nicht leicht gemacht zu haben.

Einsendeschluss ist Sonntag der 25.11.2018.

Die Defekte KatzeDie defekte Katze (Deutschland, R: Susan Gordanshekan)

Die Iranerin Mina (Pegah Ferydoni aus „Türkisch für Anfänger“) will heiraten, auch wenn sie laut ihres familiären Umfelds über das ideale Alter bereits hinaus ist. Kian (Hadi Khanjanpour), ein in Deutschland arbeitender Arzt aus dem Iran, hat ebenfalls Frust, denn seine selbstorganisierten Dates scheitern regelmäßig. Also hört er irgendwann doch auf seine Mutter, die den traditionellen iranischen Weg der Partnersuche vorschlägt. Mina und Kian heiraten im Iran, anschließend zieht sie zu ihm nach Deutschland, wo das Paar noch ziemlich planlos und einander fremd, aber dennoch mit den besten Absichten in ein neues Leben startet…

Wenn Kian die an einem Gendefekt leidende Katze (eben die defekte Katze), die seine Frau ohne Absprache nach Hause holt, zunächst mit unterdrücktem Widerwillen akzeptiert, das Vieh schließlich aber wütend wegsperrt, weil es eine große Sauerei in der Wohnung angerichtet hat, dann ist das eine Auseinandersetzung, die jedes Paar führen kann – egal, ob es vom Tinder-Algorithmus oder halt den eigenen Eltern zusammengeführt wurde. Mina und Kians Beziehung geht auf einen Brauch unfreier Partnerwahl zurück, ihr fein beobachtetes Ringen aber ist weit weniger kulturspezifisch.

Mit sensiblem Blick zeigt Regisseurin Susan Gordanshekan die vorsichtige Annäherung eines Paares, das unter ganz besonderen Umständen zusammenkommt, aber schon bald mit gewöhnlichen (Ehe-)Problemen zu kämpfen hat.

GirlGirl (Belgien, R: Lukas Dhont)

Lara (Victor Polster) ist ein 15-jähriges Mädchen, das im Körper eines Jungen geboren wurde und davon träumt,und davon träumt, eine Ballerina zu werden. Als sie an einer renommierten Ballettakademie angenommen wird, zieht sie mit ihrem Vater Mathias (Arieh Worthalter) und ihrem jüngeren Bruder Milo (Oliver Bodart) nach Brüssel. Doch die Wirren der Pubertät, das
harte Training an der Akademie und die gleichzeitige Vorbereitung auf die Geschlechtsumwandlung drohen für Lara zu viel zu werden. Zwar hat sie die volle Unterstützung ihres Vaters und wird von einer Ärztin (Katelijne Damen) und einem Psychologen (Valentijn Dhaenens) begleitet, doch der Leistungsdruck ist enorm. Als man ihr schließlich verbietet, Ballett zu
tanzen, entschließt sich Lara zu einem radikalen Schritt…

In erster Linie geht es Dhont um den inneren Kampf der jungen Protagonistin, die ihren eigenen Körper aufs Spiel setzt, um die Person zu werden, die sie sein möchte.“ Laras nach innen gekehrtes Leiden verkörpert Jungdarsteller Polster dabei beeindruckend glaubwürdig. Dank der Hilfe von Vater, Bruder, Klassenkameraden und Ärzten muss Lara nur wenig gegen äußere Widerstände antreten. Ihr Konflikt als Girl ist in allererster Linie die Überwindung des eigenen Körpers, um ihre beiden Ziele – Ballettkarriere und Geschlechtsanpassung – irgendwie zu vereinen.

The GuiltyThe Guilty (Dänemark, R: Gustav Möller)

Der ehemalige Polizist Asger Holm (Jakob Cedergren) arbeitet mittlerweile in einer Notrufzentrale. Eines Tages erhält er einen Anruf von der verängstigten Iben (Jessica Dinnage), die neben ihrem Entführer im Auto sitzt und so tut, als würde sie mit ihrer Tochter telefonieren. Asger will der entführten Frau unbedingt helfen, was aber übers Telefon gar nicht so leicht ist, denn schnell kommt der Entführer hinter Ibens Notruf und bricht die Verbindung ab. Nun beginnt für Asger ein Wettlauf gegen die Zeit. Dabei ist seine einzige Waffe das Telefon. Während er alles in
seiner Macht stehende tut, um die Frau ausfindig zu machen, muss er bald feststellen, dass er es mit einem weitaus größeren Verbrechen zu tun hat, als anfangs angenommen…

Der dänische Regisseur Gustav Möller reduziert in seinem Debüt „The Guilty“ das Set auf zwei in denen nur ein Protagonist zu sehen ist. Möller lässt den unendlich einsamen Cop am Telefon im Verlauf der Story über dessen eigenen schlechten Taten reflektieren und macht so aus dem Thriller zugleich auch ein viel tiefer gehendes Drama. Holm kämpft hier nicht nur um Ibens Leben, er versucht auch, seine eigene Seele zu retten. Ein derart intensives Kammerspiel wie „The Guilty“ gab es auf der Leinwand schon lange nicht mehr zu sehen. Darsteller Jakob Cedergren zeigt hier geniale Schauspielkunst, dazu kommen ein sehr starkes Drehbuch und eine Inszenierung, die das Geschehen beinahe schmerzhaft miterlebbar macht. Ein ganz großer Wurf des Regie-Debütanten Gustav Möller.

NanoukNanouk (Bulgarien, R: Milko Lazarov)

Der Rentierhirte Nanouk (Mikhail Aprosimov) und seine Frau Sedna (Feodosia Ivanova) leben nach alter Tradition in einer Jurte aus Rentierfellen in der wunderschönen, aber auch extrem lebensfeindlichen Eiswüste von Jakutien. Sie ernähren sich von Jagen und Fischen, doch das Leben dort wird immer schwieriger – durch den Klimawandel, der dafür sorgt, dass der Schnee jedes Jahr ein bisschen früher schmilzt, und durch eine mysteriöse Krankheit, die die Wildtiere dahinrafft. Eines Tages bekommen Nanouk und Sedna Besuch von ihrem Sohn Chena (Sergei
Egorov), der die einzige Verbindung zu ihrer Tochter Ága (Galina Tikhonova) ist, die das Leben in der Weite der Natur hinter sich gelassen hat. Nanouk möchte seine Tochter noch einmal wiedersehen und kommt so schließlich in eine ihm völlig fremde Welt…

Ein trotz intimer Geschichte bildgewaltiges Schneewüsten-Melodram mit vielen fantastischen Bildern, von denen einem vor allem die atemberaubenden Aufnahmen eines Diamantenminenlochs wohl so schnell nicht mehr aus dem Kopf gehen werden. In seinem auf der Berlinale außer Konkurrenz uraufgeführten „Nanouk“ erzählt der bulgarische Regisseur Milko Lazarov eine kleinstmögliche (aber deshalb nicht weniger dramatische) Geschichte in den größtmöglichen Bildern.

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